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Yunus Emre’s Buch – Zitate aus dem Vatikan

Im Jahr 1953 wurde erstmals von Ettore Rossi auf die Existenz einer besonderen Vatikan-Handschrift des
Divān von Yunus Emre hingewiesen (Vat. Turco 226). Diese Handschrift wurde Hidschri 1038
(≈ Januar/Februar 1629) fertiggestellt und enthält neben den Gedichten von Yunus Emre auch Werke anderer Dichter.
Die Studie von Ayberk Kurtgel analysiert diese Vatikan-Nuscha hinsichtlich Sprache, Rechtschreibung und Orthografie.
Die Entdeckung der Handschrift zeigt, dass Yunus Emres Werke weit verbreitet und über verschiedene Manuskripte
überliefert wurden, wobei die Vatikan-Ausgabe als besonders wertvolle Quelle für die Textgeschichte seines Divān gilt.

Vat. 26a :

  • Ich bin ewig, ich bin, möge bestehen der Allmächtige und der absolute Wahre.
    Möge er morgen gegenwärtig sein, und ich bitte um Vergebung für das, was er tut.
  • Fleisch und Haut, die die Schleier des Körpers zusammenhalten.
    Meine Macht ist groß, und ich bin sowohl offen als auch klar erkennbar

Vat. 27a

  • Ich bin der Sultan, uralt und unvergänglich von Anfang bis Ende.
    Ich herrsche über die sieben Weltregionen und halte Erde und Himmel
  • Wie ein Blitz, der einschlägt und das eigene Ego besiegt,
    bin ich an jenem Ort die giftige, scharfe Schlange

Vat. 29b

  • Ich kam reichlich in die Welt und hielt mich an den Heiligen.
    Ich hörte vom Ruhm der Macht und eilte stürmisch dorthin

Vat. 31b

  • Meine Einheit ist mit dir und kann nicht von dir getrennt werden.
    Mein Leben ist mit dir; ohne dich existiert es nicht

Vat. 32a

  • Wisst ihr, gute Freunde, wahre Helden sind im Blut zu finden.
    Wenn ich ins Blut schaue, sind sie da; wenn ich mich darin beteilige, sind sie gegenwärtig

Vat. 32b

  • Ich habe meinen Verstand verloren und bin aus mir herausgetreten;
    Ich brenne, entfacht im Feuer der Liebe

Vat. 33a

  • Yunus ist Sehnsucht; zeige ihm seine Sehnsucht dir gegenüber.
    Wenn dein Handeln kein Unrecht ist, dann geschieht es der Gerechtigkeit zuliebe
  • Das Königtum gehört dir, denn du hast Macht.
    Warum? Weil du ein wahres Selbst besitzt

Vat. 34a

  • Verweile nicht, solange du vergänglich bist; strebe nach ewiger Jugend. Mögen deine Nachfahren in allen Welten den Schatz finden

Vat. 34b

  • Das dritte Zeichen ist dies: alles wird von Begierden getrieben;
    die Leidenschaften täuschen nicht diejenigen, die den Weg erreichen

Vat. 35a

  • Das vierte Zeichen ist dies: Lass dich nicht vom diesseitigen Genuss verführen;
    wer sich an die Welt hängt, gerät ins Wanken, doch die Zielstrebigen bleiben unbeirrt, egal welche Sorgen ihnen auf dem Weg begegnen

Vat. 35b

  • Das Licht ergriff meine Seele; dies sprach ‚Ich bin die Wahrheit‘ zu mir. Der vertraute Duft verließ mein Herz, und ich wurde geprüft, um derjenige zu werden, der mit Gottes Hilfe siegt
  • Ich empfing aus dem mit Gottes Hilfe siegenden Kelch; mit ekstatischer Hingabe gelangte ich in den Rosengarten. Denn ich erkannte die göttliche Wahrheit und von dort aus folgte ich ihr weiter.
  • Besseres als diesen herrlichen Ort gibt es kaum;doch von allen Seiten bin ich voller Leid – wie kann da jemand an einen angenehmen Ort gelangen?

Vat. 36a

  • Warum Angst vor dem Tod? Ein Liebender stirbt nicht, er ist ewig. Vor dem Sterben wovor solltest du dich fürchten? Fürchte dich nicht, die Ewigkeit gehört dir
  • Denn du bist nützlich; leere Worte sind nur falsches Streben.
    Sei dankbar gegenüber Gott, dann wird dir der Lebendige, der Ewige, zuteil.

Vat. 174a

  • Jesus, Sohn Marias, ging zu Gott. Der Tugendvolle soll Gottes Welt zum Lächeln bringen

Vat. 36b

  • Eine gute Nachricht kommt zu dir von einem Freund. Diese Botschaft ist die Vereinigung, die für ihn bestimmt ist

Vat. 37b

  • Yunus sagt: Der verborgene Gott durchdringt beide Welten. Möge der Suchende zu seinem Freund gelangen; Hu (Gott), Kuṣur (der göttliche Ort) und Burāk (die spirituelle Reise) sind die Mittel und Symbole dieser Verbindung.“
  • Für den Liebenden sind alle weltlichen Dinge gleich – ob Seide oder Lumpen. Für den Suchenden, dessen Herz nicht an der Liebe hängt, ist alles bedeutungslos
  • Wenn du willst, wer wird die Stufe der spirituellen Loslösung erreichen?
    Zieh dich in die innere Kammer zurück und halte dein Selbst streng unter Kontrolle.
  • Den wahren Sinn von Gottes Wahrheit haben sie nicht geschnallt.
    Selbst die großen Mystiker haben diese Einheit nicht wirklich gelebt

Vat. 38a

  • Die kamen ans Tor und spielten die Frommen nach der Sharia.
    Dann gingen sie rein, aber checkten nicht, was wirklich abgeht

Vat. 38b

  • Wer in Liebe wie Mecnūn (poet. Figur der extrem Liebende) ist, dem kann nix passieren. Hitze, Kälte – alles egal, das Feuer der Liebe haut ihn nicht um

Vat. 39b

  • Ey, wer hat schon gesehen, dass so ein Liebender Reue zeigt?
    Oder dass er verrückte Sachen macht wie Feuer ins Meer werfen?

Vat. 40b

  • Die Unwissenden nennen meinen Zustand verdorben. Doch womit soll sich das Herz sättigen, wenn jemand ohne Seele und ohne Empfindung bleibt?

Vat. 41b

  • Ich habe aus drei Gründen ekstatisch getrunken. Ich spiele den Lobpreis Gottes auf dem Gebetsteppich und lasse im Paradies die ḳopuz (traditionelles türkisches Saiteninstrument, Vorläufer der Laute) erklingen
  • Ich hab’ aus drei Gründen Wein getrunken und mich voll berauschen lassen.
    Und ich lobpreise Gott echt auf’m Teppich – anders als die Typen, die jeden Tag beten, nur um im Paradies die Jungfrauen abzuziehen

Vat. 42a

  • Ich habe Worte gesprochen, aber ich wollte keinen Streit verursachen.
    Dennoch spricht man manchmal die Wahrheit offen vor allen

Vat. 44a

  • Salomo hat sich mal in Bulqiya verliebt.
    Und indem sie’s wirklich wollten, fanden sie die Lösung für diesen Liebeskummer

Vat. 46a

  • Der Weg des Suchenden führt direkt ins Herz. Doch ohne Tugend kannst du nicht ins Herz des Reinen treten

Vat. 49b

  • O Gott, ich habe jemanden unter deinem Schutz. Er beschützt meine Lämmer in dieser einen Aussage

Vat. 50a

  • Denn Gottes Allmacht ist auf alles vorbereitet. Nur die Kürze des Lebens wird einem zeigen, wie begrenzt alles ist
  • Tag für Tag verblasst der Glanz und kehrt wieder zur Erde zurück. Wer aus diesem Beispiel lernt, erkennt der Weise die tiefere Bedeutung

Vat. 50b

  • Ein König ist nur König, wenn er zugleich Diener ist; ohne Diener ist er kein König.
    Wer den wahren König erkennen will, sieht ihn durch den Diener

Vat. 54b

  • Die Liebe des Erleuchteten in dieser Welt – sei sie edel wie Seide oder zerfetzt wie Lumpen.
    Der Pilger, dessen Herz den Augenblick nicht festhält, geht würdevoll seinen Weg. Wer diesen Himmel nicht betritt, wird am Ende tiefe Reue empfinden.
    Wer sich uns nähert, wird zum Feind – ungezügelt, frei und ungebunden, ein Spiegel der eigenen Seele

  • Wer diesen Weg nicht betritt, wird am Ende bereuen.
    Wer uns nicht erreicht, verliert sich oder wird zum Gegner

Weitere Verse siehe Microsoft Word – 2_AyberkKurtgel


Thema Klassischer Islam Tengrismus (nach Akay Kine – Interpretation) Yunus Emre
Menschenbild Unterscheidung zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, ergänzt durch ethische Prinzipien wie Barmherzigkeit Keine Trennung der Menschen nach Glauben; alle Menschen sind Teil der göttlichen Ordnung Menschenliebe steht im Zentrum, Unterschiede werden minimiert
Paradies und Hölle Ausgeprägtes Konzept von Belohnung und Bestrafung im Jenseits Kein äußeres Straf- oder Belohnungssystem; Leben ist ein natürlicher Kreislauf Oft symbolisch oder innerlich interpretiert
Ritual und Ibadet Verpflichtende religiöse Praktiken wie Gebet und Fasten Keine verpflichtenden Rituale; entscheidend ist die innere Harmonie mit Natur und Leben Kritik an bloßer Form; Aufrichtigkeit und innere Haltung sind entscheidend
Gottesverständnis Ein transzendenter, zugleich barmherziger Gott Universelle, allgegenwärtige göttliche Kraft (Tengri), nicht strafend, sondern ordnend Innerlich erfahrbarer Gott, im Herzen des Menschen
Gesellschaft Religiöse Normen strukturieren soziale Ordnung Freiheit des Individuums; keine religiöse Zwangsordnung Individuelles Gewissen und ethische Haltung betont
Verständnis von Liebe Gottesliebe als zentrales Element Liebe als natürliche Verbindung zwischen Mensch, Natur und Kosmos Menschenliebe als Spiegel der Gottesliebe

Nach der Interpretation von Akay Kine wird die Denkweise und das spirituelle Konzept von Yunus Emre wesentlich durch die ursprüngliche türkische Religions- und Geistestradition beeinflusst.

Sein Fokus auf innerliche Gotteserfahrung, Menschenliebe und Harmonie spiegelt zentrale Prinzipien der alten türkischen Kultur wider, die weniger auf äußere Rituale und Straf-/Belohnungssysteme setzen, sondern auf universelle Verbundenheit, Herzensebene und natürliche Ordnung.